Tiger

tigerGestern ist etwas merk-würdiges passiert.

Hadiza ist in ein Kaufhaus eingebrochen.

Hadiza ist eine Austauschschülerin aus Nigeria.

Das wollte Hadiza schon immer, bzw. sie wollte einmal ganz allein in einem Kaufhaus sein, durch alle Abteilungen gehen, alles mögliche ausprobieren, anprobieren, probieren.

Und gestern Abend hat sich eine brilliante Gelegenheit ergeben.

Es war schon nach Ladenschluss; in der Fußgängerzone kaum noch was los.

Eigentlich kein Wunder, denn es war Sonntag, kurz vor 20Uhr und der gute Deutsche saß vor dem Fernseher, Tatort gucken.

Dazu kam noch die Aufregung am späten Nachmittag, als es einen Polizeigroßeinsatz in der Innenstadt gab:

Ein Zirkus war in der Stadt. So ein traditioneller mit noch richtigen Tieren.

Und dagegen wurde demonstriert.

Einigen Demonstranten ist es gelungen, sämtliche Käfige zu öffnen und so liefen dann Pinguine, Pudel, Ponys, zwei Elefanten, ein Kamel, drei Esel und vier Pferde kreuz und quer durch die Innenstadt. Ein Tiger auch. Ziemlich verwirrt und scheu, aber mit gebleckten Reißzähnen.

Das sorgte für ein schnelles Leeren der Innenstadt.

Bis zum Abend waren fast alle Tiere wieder eingefangen, außer einem Pinguin und dem Tiger. Die blieben verschwunden.

Bei all der Aufregung war es keinem aufgefallen, dass der Hintereingang für die Angestellten zu Karstadt nur angelehnt war, statt abgeschlossen.

Hadiza sah das als Aufforderung einzutreten. Genau genommen war es ja kein Einbruch. Die Tür war ja auf.

Sie schlüpfte durch die Tür und zog sie hinter sich zu. Mit einem satten Klicken schnappte das Schloss ein und eine rote Signallampe leuchtete über dem Griff.

Gleichzeitig ging das Licht aus. Nur eine Notbeleuchtung gab es noch. Die reichte aber und Hadiza lief weiter in das Gebäude hinein.

Still war es, auch das Summen der Klimaanlage war verstummt.

‘Ich geh ganz systematisch vor, von Abteilung zu Abteilung, vom untersten Geschoss zum obersten’, dachte sich Hadiza, blieb aber dann gleich am Grabbeltisch für t-shirts hängen.

Designer Shirts zum Sonderpreis!

Hadiza probiert einige an.

‘Seh’n zwar schick aus, stehen mir aber total nicht, hm’.

Sie läuft weiter zur Damenabteilung: Abendkleider.

‘Ja, aber hallo! Da woll’n wir doch mal seh’n.’

Etuikleid oder Rüschenrock, Chasuble oder Bolero?

Nee ook, das gefällt Hadiza.

Sie entscheidet sich für ein bodenlanges schulterfreies Kleid mit passendem Bolero und neckischem Käppie, das sie sich in ihren Locken befestigt.

Jetzt noch die passenden Schuhe und Handtasche.

Kommt später, ist auf ‘ner anderen Etage.

Dafür aber jetzt in die Kosmetikabteilung.

Parfums!

Tresor, White Linen, Beautiful, Light Blue, Chanel No.19, von allen ein Spritzer.

Als nächstes Make-up.

Weniger ist mehr, außerdem tränen ihr die Augen etwas, sodass sie sich für einen leuchtendroten Lippenstift entscheidet und den Rest erst einmal lässt.

Vielleicht nur ein wenig Handlotion von Shiseido – Nivea, eat your heart out!

Der Magen knurrt.

Runter in die Delikatessenabteilung.

Mmmmm, womit anfangen?

Eingelegte Artischockenherzen, Räucherlachs aus Schottland, dazu Baguette.

Gefüllte Pilze (das Leben ist nie zu kurz, sie zu füllen!), Veganpastete, Zukkinisalat.

Spinatquiche, Schinken, eingelegte getrocknete Tomaten.

Sachertorte (nur einen Happs)

Schwarzwälder Kirsch Torte (zweimal zugelangt)

Marzipantorte (ein Stückchen)

3 handgemachte Pralinen

Cranberrysaft.

Tonic Water.

Pappsatt und etwas gammelig im Magen setzt sich Hadiza hinter eine Kasse auf den Stuhl.

War wohl doch etwas viel. Aber lecker.

Nachher, wenn der Magen sich beruhigt hat, werden alle Sorten Eis durchprobiert.

 

Plötzlich hört Hadiza ein eigenartiges Geräusch.

‘Witt-watt, witt-wat, witt-watt, wupps, witt-watt, witt-watt’

Es kommt vom Gang mit den Tiefkühltruhen.

 

Leise steht Hadiza auf, rafft den Rock hoch und schleicht Richtung Tiefkühltruhen. Sie geht in die Hocke und schaut vorsichtig um die erste Ecke herum.

Nicht zu glauben!

Ein Pinguin watschelt ihr entgegen. Ab und zu versucht er hochzuspringen, um in die Tiefkühltruhe hineinzukommen.

‘Wupps.’

Gerade schlägt wieder ein Versuch fehl.

Hadiza steht auf und geht auf den Pinguin zu.

Der faucht und geht auf sie los: Kopf nach vorne gestreckt, Schnabel geöffnet.

Vor Schreck tritt Hadiza einen Schritt zurück und stolpert über den Rocksaum. Abendkleider ist sie nicht gewohnt und es fehlen ja noch die Pumps mit Absatz.

Unsanft landet sie auf dem Hintern.

Der Pinguin rutscht den letzten Meter auf sie zu. Auch er hat sich erschrocken.

Jetzt sitzstehen sie sich gegenüber.

Keiner rührt sich.

Denn ein anderes Geräusch macht sich bemerkbar: ein eigentlich sanftes Schnurren. Einerseits durchaus an eine Katze erinnernd, andererseits vom Schnurrvolumen her an eine größere Ausgabe dieser Spezie erinnernd.

Das Schnurren kommt näher ohne dass Schritte hörbar sind. Dafür bemerkt Hadiza einen ziemlich strengen Geruch.

‘Riecht wie Herr Strebel, der neue Kunstreferendar’, der ist jedesmal fürchterlich gestresst, wenn er vor die Klasse treten muss.

Er ist es aber nicht.

‘Hätte nie gedacht, dass ich mir mal einen Lehrer herbeiwünsche’, denkt Hadiza noch als ein Tiger im Tiefkühlgang erscheint und auf sie und den Pinguin zukommt. Den massigen Kopf gesenkt und mit zunehmender Schnurrlautstärke nähert er sich mit eleganten Schritten.

‘Oh, mein Gott!’ atmet Hadiza gepresst ein.

Der Pinguin erwacht aus seiner Erstarrung und ergreift die Flucht.

‘Witt-watt, witt-watt, witt-watt!’ – im Eiltempo entfernt er sich vom potentiellen Gemetzel.

Direkt vor Hadiza bleibt der Tiger stehen.

Dann stupst er sie leicht mit dem Kopf an und stellt sich neben sie.

Er geht etwas in die Knie und deutet wieder mit dem Kopf, dass Hadiza auf seinen Rücken klettern soll.

Ist eben ein Zirkustiger.

Das tut dann auch die Hadiza.

Und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte:

There was a young lady of Niger

Who smiled as she rode on a tiger;

They returned from the ride,

With the lady inside,

And the smile on the face of the tiger.

Ach ja, dem Pinguin ist es doch noch gelungen, Abkühlung zu bekommen: die Plastikabdeckung für das Gemüseregal konnte er mühelos zur Seite schieben – und so fand man ihn dann am nächsten Morgen schlafend im Blattsalat.