Die Schatzkiste

boardZu einer Zeit, als Flüsse Schokolade führten und Wünsche wahr wurden, lebte eine junge Frau allein in einem kleinen Häuschen direkt am Meer.

Das Häuschen duckte sich ganz nah an den Deich. Der Wind blies geradewegs über das Dach und das Rauschen des Meeres drang durch die Butzenfenster bis in die warme Stube.

Gemütlich war es dort: breite, weiche Sessel standen in kuscheligen Ecken, immer von unterschiedlichen Tischchen begleitet.

Kerzen gab es im Überfluss und aus der offenen Küche kamen die wunderbarsten Gerüche, mal duftender Apfelkuchen aus dem Ofen, mal appetitmachender Eintopf oder die sonnenwarmen getrockneten Kräuter verteilten ihre Aromen.

Die junge Frau, Asta war ihr Name, lebte gern dort. Das Alleinsein gefiel ihr, war sie denn gar nicht wirklich allein: ihr treuer Hund Hoißam (das war Kantonesisch und bedeutete ‘glücklich’) wich nie von ihrer Seite und verstand sich bestens mit ßüfuhk (‘gemütlich’), dem Kater.

 

Jeden Tag gingen Asta und Hoißam stundenlang am Strand spazieren und an windstillen Tagen lief auch ßüfuhk mit.

Gerne kamen Freunde und Verwandte zu Besuch und blieben für lange Gespräche bei Kuchen und Tee.

 

Am liebsten aber war Asta allein mit ihren Tieren.

Besonders das besinnliche Gehen entlang der Wasserkante tat ihr gut.

Bei jedem Wetter konnte man Asta am Strand sehen.

 

Eines Tages, es war mitten im Winter und einer der häufigen starken Ostwindstürme toste über das Meer, machte sich Asta allein auf den Weg, denn selbst Hoißam verspürte keine Lust, sich den scharf wehenden Sand um die Nase wehen zu lassen.

Tief vermummt und mit fast geschlossenen Augen stemmte sie sich dem Wind entgegen.

Plötzlich vernahm sie durch das Windbrüllen hindurch ein anderes, rhythmisches Geräusch; ein schaukelndes Klappern.

Neugierig horchend ging sie darauf zu, denn zu sehen war durch den Sand, der in Knöchelhöhe über den Strand fegte, kaum etwas.

Da. Unmittelbar vor ihr schaukelte eine kniehohe Holzkiste halb im Wasser, halb auf dem Strand. Jede brechende Welle gab ihr einen Schubs, sodass sie unaufhörlich hin und her schaukelte.

 

Asta kippte sie auf die Seite, und die Kiste kam im Sand zur Ruhe.

Sie schien schon eine Weile im Wasser gewesen zu sein.

Seepocken und eine dichte grüne Algenschicht bedeckten das Holz, nur an den Kanten und dem Schloss war rostiges Eisen zu erkennen. An zwei Seiten waren Seilgriffe, an denen sich Seegras verfangen hatte.

Asta zog einen Handschuh aus und versuchte den Deckel zu heben.

Aber die Kiste war fest verschlossen.

‘Die neh’m ich mit’, sagte sich Asta und versuchte sie anzuheben.

‘Unmöglich, viel zu schwer!’

Kurz entschlossen fasste Asta sich einen Seilgriff und zog die Kiste mit einiger Mühe über den Strand und den Deich bis zu ihrem Haus.

In der Diele ließ sie sie mit einem tiefen Seufzer erst einmal liegen und schälte sich aus ihrer Winterkluft.

‘Jetzt brauch ich eine Kanne Tee zum Aufwärmen!’

Hoißam, der schon hinter der Stubentür wartete, lief sofort in die Diele, als sie die Tür öffnete.

Laut bellend und mit gesträubtem Nackenfell hüpfte er um die Kiste herum.

Auch ßüfuhk kam und machte sofort fauchend einen Buckel.

Asta merkte davon nichts, denn sie war in der Küche beschäftigt.

 

Eine Stunde und viele Tassen Tee später ging sie wieder zur Kiste.

Hund und Katze hatten sich inzwischen beruhigt und schliefen eng aneinander gekuschelt vor dem prasselndem Feuer im Kamin.

Als Asta allerdings die Kiste in die Stube holte, knurrte Hoißam ohne den Kopf zu heben und auch ßüfuhk ließ ein warnendes Miauen hören.

‘Was habt ihr nur!’

Asta ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

‘So, wie krieg ich die Kiste jetzt auf?’ dachte sie, ‘ich wünschte ich könnte zaubern. Dann würde ich nur male-male-hung! sagen und schon ist die Kiste auf.’

Kaum hatte Asta dies gedacht, als ein mechanisches Klicken ertönte.

Hoißam spitzte die Ohren.

ßüfuhks Schwanz schlug hin und her.

 

Asta kniete vor der Kiste und sah sich das Schloss an. Daher kam das Klicken.

Aus einer plötzlichen Eingebung heraus versuchte sie nochmals, den Deckel zu heben – und plötzlich ging es!

Vorsichtig öffnete sie den Deckel ganz und schaute in die Kiste.

Darin lag etwas.

Dieser Gegenstand hatte beim Wellenschaukeln der Kiste im Meer das Klappern verursacht.

Zögernd streckte Asta die Hand danach aus und Hoißams Knurren wurde deutlich lauter.

 

In Astas Hand fühlte sich der Gegenstand glatt und merkwürdig warm an, als ob er eine eigene innere Wärmequelle hätte.

Sonst war nichts in der Kiste.

Asta betrachtete es.

‘Mensch, ich muss nicht vergessen, noch Brennholz zum Trocknen reinzuholen’, ging es ihr auf einmal durch den Kopf.

Dann war sie wieder ganz beim Gegenstand.

Sie hielt ihn sich unter ihre Nase.

‘Riecht nach nix.’

‘Schmeckt nach nix.’

‘Komisches Ding.’

‘Wenn blos Hoißam nicht so knurren würde, langsam wird es mir unheimlich.’

Als wenn der Hund ihre Gedanken gehört hätte, stand er auf, schüttelte sich und kam mit wedelndem Schwanz auf sie zu.

Er knurrte nicht mehr und beschnupperte neugierig den Gegenstand.

 

Als Asta aufstand und ihr Blick zum Kamin fiel, sah sie, dass der Holzkorb übervoll war: trockenes Holz, ordentlich aufgestapelt, nur darauf wartend, das Feuer zu speisen.

 

Da begann es bei Asta langsam zu dämmern, denn bei ihr war oben im Kopf immer das Licht an: dieser Gegenstand kann Gedanken wahr machen.

 

Natürlich probierte sie es anfangs in allen mögllichen Variationen aus:

ßühfuhk bekam einen Tag lang ein rosa Fell.

Hoißam konnte so schnell wie der Wind am Strand entlang laufen (aber ihm gefiel es irgendwie überhaupt nicht).

Im Garten wuchsen auch im Winter Erdbeeren  (aber da sie sie nicht gleich erntete, waren sie in nullkommanix erfroren.)

Ihr Lieblingseintopf (Grünkohl mit Kassler und Pinkel) wurde nie leer (aber nach 2 Wochen Grünkohl war das auch nicht mehr so richtig lecker)

Der Sturm wurde angehalten (aber damit auch die Möwen, die gerade in der Luft waren und nicht zurück kommen konnten)

Ihr Schrank war voller neuer Kleider (aber da sie nicht so genau gedacht hatte, sehen sie alle aus wie die bereits vorhandenen und alles war gleich)

 

Kurz, der Gegenstand war nützlich für Asta, aber gleichzeitig brauchte sie viele Dinge, die sie sich gewünscht hatte in Wirklichkeit gar nicht.

 

Wochen gingen in das Land und langsam wurde es Frühling.

Asta, Hoißam und ßüfuhk lebten ihr geruhsames und doch buntes Leben wie zuvor und nur manchmal, ganz selten, holte Asta den Gegenstand hervor und dachte  etwas.

 

Und was das sein könnte und wie der Gegenstand aussehen könnte, überlass ich dir, der du diese Geschichte so geduldig gelesen hast.

 

Wünsch dir was!

Es wird in Erfüllung gehen.