Der Einfallspinsel

Der Einfallspinsel

gudrun3Es war einmal ein Pinsel, der zusammen mit anderen in einem Marmeladenglas bei einem Maler wohnte.

Der Maler – er hieß übrigens Thure – war sehr aktiv, kam jeden Morgen pünktlich um 9Uhr in sein Atelier und begann mit seinem Werk.
Er hatte viele Ideen und konnte sie auch wunderbar umsetzen, weil er alle Maltechniken bei seinem Mentor gelernt hatte und noch dazu Talent hatte.
So entstanden dann die schönsten Bilder, die er regelmäßig an eine Galerie verkaufte und damit gut von seiner Kunst leben konnte.
So ging dies viele Jahre.
Der Maler malte und der Pinsel half ihm dabei.
Liebevoll reinigte der Maler jeden Abend alle seine Pinsel, die er während des Tages benutzt hatte, sodass sie über Nacht in Ruhe trocknen konnten.

Alle warens zufrieden.

Aber dann geschah etwas, das das Leben des Malers auf den Kopf stellte.
Er verliebte sich.

Und das kam so:

Es war ein Dienstag und der Maler war wie üblich um 9 Uhr in sein Atelier gekommen, als es an der Tür klingelte.
‘Nanu’, dachte der Maler, ‘wer kommt denn schon so früh?’ und öffnete.
Draußen stand eine alte Frau.
Sie trug einen abgetragenen Mantel, einen verbeulten Hut und löchrige Socken an den Füßen, die in ausgetretenen Sandalen steckten.
In der rechten Hand hielt sie eine riesige verbeulte Handtasche und in der linken einen zerrupften blauen Regenschirm, von dem eine Schiene abgeknickt zur Seite hing.

‘Guten Morgen’, sagte sie und schaute dem Maler geradeheraus in sein erstauntes Gesicht.
Ihre Augen hatten eine wunderbare Indigofarbe, die ihn fesselten.

‘Guten Morgen’, antwortete der Maler, ‘was kann ich für Sie tun?’

‘Darf ich reinkommen?’

‘Natürlich. Hier entlang, bitte’.
Der Maler öffnete die Tür weiter und ließ die alte Frau herein.
Mit leicht schleppenden Schritten ging sie in die Richtung, die der Maler ihr wies.

‘Wollen Sie den Schirm hier abstellen?’ fragte Thure und zeigte auf seinen Schirmständer.

Die alte Frau ging weiter, als ob sie ihn nicht gehört hätte.
Mitten im Atelier blieb sie stehen und sah sich suchend um.
Sie war etwas außer Atem und ihre Wangen hatten sich gerötet.
‘Nehmen Sie doch Platz’, beeilte sich der Maler zu sagen und schob ihr seinen alten Ledersessel hin, in dem er sonst so gern am Fenster saß und tagträumte.

Mit einem tiefen Seufzer setzte sie sich, stellte die Tasche neben ihre Füße und lehnte den Regenschirm gegen die rechte Armlehne.

‘Was kann ich für Sie tun?’ wiederholte Thure, zog sich einen alten Klappstuhl heran und saß ihr gegenüber.

‘Hast du ein Glas Wasser?’ Wieder ging die alte Frau nicht auf seine Frage ein und auch diesmal beharrte Thure nicht, sondern holte ihr ein Glas aus der Kochnische.

‘Hier. Bitte’, er hielt ihr das Glas hin und sie nahm es mit einem kleinen Lächeln.

Merkwürdig. Die Augen der alten Frau hatten sich in der kurzen Zeit, in der er das Wasser holte, irgendwie verändert.
Auch saß sie Frau nicht mehr so zusammengesunken auf dem Sessel, sondern wesentlich gerader.

‘Danke, Thure’, mit ihrem leisen Lächeln nahm sie das Glas an und trank einen Schluck.

‘Ich kenne deinen Namen, weil ich schon lange von dir weiß’, kam sie seiner Frage zuvor und lehnte sich bequem zurück.

‘Ich möchte, dass du mich malst.’

‘Hm, eigentlich male ich keine Portraits, sondern nur Abstraktes.’ Thure druckste herum, denn er konnte sich keinen Reim auf diese merkwürdige Besucherin machen.

‘Ich weiß, du hast viele Fragen und ich werde sie dir alle beantworten, aber zuerst brauche ich deine Zusage.’

Sie sah ihn mit ihren leuchtend indigofarbenen Augen an und lächelte dabei noch stärker.
Die tiefen Falten um ihre Augen schienen plötzlich nur noch feine Lachfältchen zu sein. Thure starrte sie fasziniert an.
‘Was geht hier vor?’ fragte er sich im Stillen und zweifelte gleichzeitig an das, was er da augenscheinlich gerade sah.

So vergingen einige Sekunden.

‘Nun?’ sagte die Frau schließlich und strich sich das – gar nicht mehr so graue – Haar aus der Stirn.
‘Was sagst du?’

Thure schüttelte seinen Kopf wie ein Hund der aus einem Schläfchen erwacht.

‘Warum nicht? Habe schon lange nicht mehr gegenständlich gemalt.’

‘Wunderbar!’ die Frau – inzwischen konnte man sie nicht mehr als ‘alt’ bezeichnen – lachte befreit auf und strich ihren Rock glatt, der plötzlich nicht wie vorher stumpf und verwaschen aussah, sondern eine tiefe blauschimmernde Farbe angenommen hatte.

‘Kannst du sofort anfangen?’

Thure stand erschrocken auf. Er konnte sich diese langsam fließende und doch schnelle Veränderungen in seinem Gegenüber nicht erklären.

‘Spinne ich?’

Jetzt war er es, der nicht auf die Frage seines Gegenübers einging.
Er drehte sich um und ging ans Fenster.
‘Vielleicht halluziniere ich.’
Aber als er hinausschaute, sah er die gewohnte morgentliche Straßenszene und hörte die vertrauten Geräusche.

‘Weder spinnst du, noch halluzinierst du, Thure.’

Der Maler erstarrte förmlich und wagte nicht, sich umzudrehen.

‘Warte noch einen Moment und dann schau mich an’, hörte er sie hinter seinem Rücken sagen, verbunden mit einem zarten Stoffrascheln.

‘So, jetzt dreh dich um.’

Thure zögerte noch und schaute stattdessen ins Fensterglas, um erst einmal ihre Spiegelung dort zu sehen, aber alles, was er wahrnahm war ein sanfter Schimmer ohne Konturen.

Langsam drehte er sich um und erstarrte sofort wieder.

Vor ihm stand eine junge Frau. Sie hatte lange dunkle Haare, porzellanglatte Haut und trug ein dunkelblaues Seidenkonstüm.
Statt der ausgetretenen Sandalen und löchrigen Socken steckten ihre Füße in schicken Pumps.
Der Hut hatte sich zu einem leichten weißen Schal gewandelt, der ihre Schultern umhüllte.
Selbst der Regenschirm war wie neu und lehnte am Sessel.
Die alte Tasche war zwar immer noch groß, aber jetzt formschön und aus festem roten Stoff.

Thure war hin und weg.
Egal, wie das alles zustande kam, er konnte nicht anders, als sich von ihr angezogen zu fühlen.

‘Wie kann das sein? Ich bin doch ein überzeugter Single! Fast wie im Märchen, da passieren auch immer so merkwürdige Dinge.’

Thure blieb noch eine Weile verwirrt und konnte sich partout keinen Reim auf die Situation machen, begann dann aber mit den Vorbereitungen zum Portrait.

Die jetzt junge Frau blieb bei ihm während dieser Zeit, sodass Thure von morgens bis abends am Portrait arbeiten konnte.

Sie sprachen nicht viel miteinander und Thure stellte auch keine Fragen nach dem Wie oder Warum.
Er war viel zu glücklich mit dem, was er gerade machte in der Gesellschaft wie er sich eine bessere gar nicht vorstellen konnte.

So vergingen einige Wochen.
Auch der Pinsel kam viel zum Einsatz.
Und eines Tages war es soweit.
Das Portrait war fertig.

Thure hatte bis zuletzt konzentriert und detailliert gearbeitet.
Jetzt legte er den Pinsel zur Seite, ging einen Schritt von der Staffelei zurück.

‘Komm, schau es dir an.’

Die Frau – Alva war ihr Name, das wenigstens hatte Thure erfahren – stand langsam auf.
Lange schaute sie sich das Portrait schweigend an.
‘Danke’, sagte sie, ‘du hast mir mein Leben gerettet.’

Auf den fragenden Blick von Thure began sie zu erzählen.

‘Ich stamme aus einer Familie von Magiern. Schon viele Jahrhunderte lang schützen wir Menschen und Tiere vor allzu großem Schaden.
Manche nennen uns Schutzengel, andere schreiben es purem Glück zu und wieder andere merken es nicht einmal, wenn ihnen ein Unglück erspart wurde.
Wir werden schon von Kind an unterwiesen und so habe auch ich bereits als 6-jährige so manchen Hasen oder Hundewelpen vor dem Schlimmsten bewahrt.
Besonders die Katzen bringen sich immer wieder in Gefahr und müssen ausgesprochen oft beschützt werden, deshalb werden ihnen auch neun Leben zugeschrieben.’

Thure hörte gebannt zu und Alva fuhr fort.

‘Als ich 25 Jahre alt war, habe ich einen schlimmen Fehler gemacht und ein Mensch ist deshalb gestorben.
Als Konsequenz habe ich eine potentiell unmögliche Aufgabe erhalten: ich musste einen Menschen finden, der ohne zu fragen etwas für mich tun würde, wohl wissend für seine oder ihre Arbeit nichts zu bekommen.
Sollte ich diesen Menschen nicht finden, würde ich wie ein Mensch älter werden, sterben und von meiner Familie auf immer ausgeschlossen sein.
Wie du gesehen hast, habe ich viele Jahre nach diesem Menschen gesucht.’

Alva drehte sich zum Fenster und sprach weiter. ‘Letzte Nacht habe ich von einem Pinsel geträumt. Dieser Pinsel konnte tanzen und malen. Auf einer weißen Leinwand hat er immer wieder die Ziffern
9A
tanzend gemalt.
Heute morgen wachte ich auf und hatte sie fortwährend im Kopf. Auch dein Gesicht kam mir wieder deutlicher vor Augen. Du warst während meiner Suche mal deutlicher und mal verschwommener in meinen Gedanken. Wie auch dein Name, der mir oft in den Ohren klang.
Auf meinem Weg durch die Stadt kam ich an diesem Gebäude vorbei und schaute an der Fassade hoch, weil sich das Sonnenlicht ganz oben stark in einem Fenster spiegelte. Da merkte ich, dass das Haus neun Stockwerke hatte. So ging ich hinein und stieg die Treppen hoch, bis ich vor deiner Tür mit dem Buchstaben A drauf, stand.
Den Rest kennst du.’

‘Und jetzt?’ fragte Thure, noch ganz verwirrt von dieser Geschichte.
‘Jetzt gehe ich, Thure.’
‘Aber, aber…!’
‘Danke dir, nochmals, du hast mir wirklich geholfen.’
Alva nahm ihre Tasche auf und den Regenschirm und ging zur Haustür.
‘Warte!’ rief Thure ihr nach, der endlich aus seiner Erstarrung erwachte und ihr nachlief.
Aber da stand sie schon in der offenen Tür, drehte sich noch einmal um und zwinkerte ihm mit einem verschmitzten Lächeln zu, dann schloss sie die Tür hinter sich.

Thure stand in der Diele.
Er war ein bedächtiger Mensch, kein spontaner. Deshalb dauerte es einige Sekunden bis er die Tür wieder öffnete, um Alva nachzuschauen.
Aber sie war schon nicht mehr auf seiner Etage.
Vom Treppengeländer aus konnte Thure bis zum Erdgeschoss schauen.
Weder hörte noch sah er sie die Stufen hinuntersteigen.
Minutenlang blieb Thure über das Geländer gebeugt stehen und horchte in die Stille.
Dann ging er zurück in sein Atelier.
Leise schloss er die Tür.

‘Was jetzt?’
Die vergangenen Wochen kamen ihm auf einmal unwirklich vor.
Das intensive Malen, die Gegenwart Alvas, die Farben, das verändernde Licht im Laufe des Tages hatten ihn in einem Kokon der intensiven Wahrnehmung gehalten, der sich mit dem Gehen von Alva aufgelöst hatte.

Thure stand vor dem Portrait.
‘Alva, was soll ich jetzt machen?’
Er drehte die Staffelei herum, sodass er das Bild aus jedem Blickwinkel im Atelier sehen konnte.

Seiner alten Gewohnheit folgend, reinigte er den Pinsel, mit dem er in den letzten Tagen hauptsächlich gearbeitet hatte. Immer noch in Gedanken dabei fiel er ihm aus der Hand und rollte über den Tisch. Auf einem unordentlich aufgeschichteten Papierstapel blieb er liegen.
Es waren die Skizzen, die er als Vorstudien zum Portrait angefertigt hatte.
Thure nahm den Pinsel auf und begann, die Blätter durchzusehen. Dabei klemmte er sich den Pinsel über das rechte Ohr.

Thure erinnerte sich daran mit welchem Eifer er die ersten Entwürfe gezeichnet hatte: Alva von vorne. Ihr Gesicht im Profil und schräg von der Seite. Alva im Sitzen mit übereinander gelegten Händen. Im Stehen mit dem aufgespannten Schirm in der Hand. Alva am Fenster.

Als er sich tiefer über die Skizzen beugte, rutschte ihm der Pinsel vom Ohr und rollte wieder über den Tisch. Hastig griff er danach und stieß dabei an den Tischrand, wodurch einige Blätter vom Tisch wehten.

Der Pinsel kullerte über den Rand und fiel auf eine Skizze. Thure bückte sich.

‘Ja! Das ist es!’
Er hielt ein Blatt in der einen und den Pinsel in der anderen Hand.

Ab jetzt würde er nur noch Alva malen!
In allen Variationen.

Der Pinsel hatte ihm genau den richtigen Einfall vermittelt.

Und das tat der Maler Thure dann auch für den Rest seines Lebens.
Seine Alva Bilder waren sehr vielfältig und in den unterschiedlichsten Techniken gemalt.
Sie tauchten auf der ganzen Welt auf.

Eines kann man sogar heute im Louvre bewundern.

Nur hat man Alva dort einen anderen Namen gegeben:

Mona.